Wie Deutschlands ältester Motorenhersteller seine IT neu denkt
- 1. Dez. 2025
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 11. Feb.
Die DEUTZ AG vereint Tradition und digitale Zukunft. Im Interview spricht CIO Prof. Dr. Christian Hürter darüber, wie die konsequente Umsetzung strategischer Initiativen und eine klare IT-Vision Transformation im Industrieumfeld möglich machen.
X-Industry-Interview

Prof. Dr. Christian Hürter zählt zu den profiliertesten Stimmen für modernes IT-Leadership in Deutschland. Nach Stationen als Geschäftsführer (CDO) der Heinrich-Schmid-Gruppe und CIO bei Bizerba SE & Co. KG verantwortet er seit 2023 als CIO die IT der börsennotierten DEUTZ AG. Dort hat er die IT strategisch neu ausgerichtet, klare Prioritäten gesetzt und die Umsetzung digitaler Initiativen konsequent vorangetrieben. Unter seiner Führung entwickelt sich DEUTZ zu einem Vorreiter der digitalen Transformation im Industrieumfeld.
rethink:it: Herr Professor Hürter, Sie verfügen über jahrelange Erfahrung in der Führung von IT-Organisationen und in der Betreuung von Transformationsprozessen.. Wenn man den Mittelstand und ein börsennotiertes Unternehmen vergleicht: Wo liegen mit Blick auf die IT die Unterschiede?
Christian Hürter: Die Unterschiede sind oft strukturell und kulturell. Während der Mittelstand häufig agiler ist und schnellere Entscheidungen treffen kann, bringt ein börsennotiertes Unternehmen wie die DEUTZ AG zusätzliche regulatorische Anforderungen und Stakeholder-Interessen mit sich. Dies erfordert eine strategische IT-Ausrichtung, die sowohl Innovation als auch Compliance berücksichtigt. Außerdem ist die IT in börsennotierten Unternehmen oft stärker mit den finanziellen Zielen des Unternehmens verknüpft. Heißt: Wir müssen Technologien wählen, die nicht nur effizient, sondern auch wirtschaftlich tragfähig sind.
Ihre Führungsstärke hat sich auch in Krisen bewährt. In Ihrer Zeit als CIO bei Bizerba zwang ein Cyberangriff das Unternehmen sozusagen in den „Lockdown“. Was haben Sie aus dieser Zeit gelernt - und wie beeinflusst das Ihre heutige Art, IT zu gestalten?
Christian Hürter: Der damalige Cyberangriff war hart, aber auch eine Weiterentwicklung in jeder Hinsicht. Als Reaktion haben wir bei Bizerba ein Business Recovery-Programm implementiert, das Systeme nicht nur wiederhergestellt, sondern auch System und Teams zukunftsfähig positioniert hat. Wir nannten das „build back better“. Diese Erfahrung hat mich gelehrt, wie fantastisch ein Team zusammenstehen kann, wenn es darauf ankommt. Ich bin sehr dankbar, dass wir diese Zeit überstanden haben und daran reifen durften. Dass Bizerba ausgerechnet in diesem Geschäftsjahr auch noch einen Umsatzrekord erzielte, freut mich ganz besonders – für die Inhaberfamilie und für alle Mitarbeitenden. Inzwischen führt mein damaliger Stellvertreter erfolgreich die globale IT bei Bizerba.
In Ihrer jetzigen Position gibt es ganz neue Herausforderungen. Ähnlich wie die Verlagsbranche verändert sich auch die Motoren- und Automobilbranche in Deutschland gerade grundlegend. Wie sehen Sie die Rolle der IT in der aktuellen Zeit?
Christian Hürter: Die Rolle der IT hat sich fundamental verändert. Sie ist längst nicht mehr nur Unterstützungsfunktion, sondern strategischer Partner des Geschäfts. Gerade in der Motoren- und Automobilindustrie mit ihren dynamischen und komplexen Anforderungen ist die IT der zentrale Schlüssel zur Transformation. Im Kern geht es um Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit durch IT – nicht nur in der IT.
DEUTZ steht in der Öffentlichkeit für mutige Strategien und eine konsequente Transformation. Die Märkte nehmen diese rigorose Umsetzung offenbar sehr dankbar auf: Der Börsenkurs ist auf Jahressicht um über 100 Prozent gestiegen. Welchen Anteil daran hat die IT?
Christian Hürter: Die positive Börsenentwicklung der DEUTZ AG ist für mich das Ergebnis einer exzellenten Strategy Execution und der Ausdruck hervorragender Führung. Jede Konzernfunktion hat hier einen wichtigen Beitrag geleistet. Sie haben aber vollkommen Recht, dass die IT durchaus eine wichtige und vor allem proaktiv gestaltende Rolle spielt. Durch Implementierung innovativer Funktionalstrategien, Prozesse und Technologien tragen wir maßgeblich dazu bei, unsere Versprechen gegenüber den Stakeholdern – in diesem Fall unseren Aktionären – einzulösen. Trotz teilweise herausfordernder Marktbedingungen sehen wir die stabile Geschäftsentwicklung als Bestätigung für den vor drei Jahren eingeschlagenen Kurs „Dual+“ – den Wandel vom reinen Dieselmotorenhersteller hin zum Anbieter innovativer Produktökosysteme.
Viele Unternehmen scheitern nicht an der Strategie, sondern an der Umsetzung. Auch im Verlagswesen sieht man immer wieder, dass das Hemmnis für neue, digitale Produkte und Geschäftsmodelle in der IT liegt. Was machen Sie anders?
Christian Hürter: Viele Unternehmen scheitern an der Umsetzung, weil sie nicht die nötige Verbindung zwischen IT und Geschäft herstellen. Bei DEUTZ haben wir eine klare IT-Vision entwickelt, die eng mit unseren Geschäftszielen verknüpft ist. Außerdem setzen wir auf enge Beziehungen zwischen Business und IT, beispielsweise durch die Rolle des Business Relationship Managements.
In stürmischen und unsicheren Zeiten erleben wir immer wieder, wie wichtig es ist, Menschen mitzunehmen. Wie gelingt es Ihnen, die Belegschaft und Führungskräfte in diesen Wandel einzubinden?
Christian Hürter: Wir setzen auf transparente Kommunikation und die Einbeziehung unserer Kolleginnen und Kollegen. Wir fördern eine Kultur des offenen Dialogs, in der alle Mitarbeitenden die Möglichkeit haben, ihre Ideen und Bedenken einzubringen. So entsteht ein gemeinsames Verständnis für die Notwendigkeit der Veränderungen. So fühlen sich die Menschen als Teil des Prozesses. Unsere Führungsprinzipien – die „5T“ (Team, Trust, Transparency, Truth, Tenacity/Beharrlichkeit) – unterstützen das.
Werfen wir einen Blick auf das Leistungsportfolio Ihrer Einheit: Wie schätzen Sie die Verteilung von ausgelagerten Services ein, die tatsächlich noch von eigenen Mitarbeitenden erbracht werden?
Christian Hürter: Wir haben eine hybride IT-Strategie entwickelt, die sowohl interne Ressourcen als auch externe Dienstleistungen berücksichtigt. Rund 70 Prozent unserer Kernservices werden intern bereitgestellt, während wir für spezialisierte Aufgaben auf externe Partner zurückgreifen. Diese Vorgehensweise ermöglicht es uns, flexibel zu bleiben und gleichzeitig die Kontrolle über kritische Geschäftsprozesse zu behalten.
Wie entscheiden Sie, welche Services einer Make-or-Buy-Betrachtung unterzogen werden? Und welche Vorteile ziehen Sie daraus?
Christian Hürter: Bei der Entscheidung, ob wir einen Service intern bereitstellen oder extern einkaufen, betrachten wir mehrere Faktoren: Kosten, Qualität, strategische Bedeutung und unsere Kernkompetenzen. Der Vorteil eines strukturierten Make-or-Buy-Prozesses liegt darin, dass wir Ressourcen effizienter nutzen und uns auf unsere Stärken konzentrieren können, während wir gleichzeitig die Flexibilität haben, externe Expertise zu nutzen, wo es sinnvoll ist.
Sie arbeiten seit vielen Jahren eng mit Schulz & Schulz zusammen. Wie bewerten Sie das Vorgehen der Kollegen und wie zahlt es auf die von Ihnen angesprochenen Themen ein?
Christian Hürter: Die Zusammenarbeit mit Schulz & Schulz ist für mich von großer Bedeutung. Das Team bringt wertvolle Expertise in der digitalen Transformation mit, die uns hilft, unsere Strategien effizient umzusetzen. Ihr Ansatz, Best Practices aus verschiedenen Branchen zu adaptieren, ergänzt unsere eigene Innovationskraft und ermöglicht es uns, zukunftsorientierte Lösungen zu entwickeln.
Eine abschließende Einschätzung: Was braucht es, damit die digitale Transformation gelingt?
Christian Hürter: Der Fokus muss auf der Integration von IT in die Geschäftsstrategie liegen. Es ist entscheidend, dass die digitale Transformation nicht nur als IT-Projekt, sondern als unternehmensweite Initiative verstanden und gelebt wird. Das beinhaltet beispielsweise die Investition in Schulungen, um die Belegschaft auf die Veränderungen vorzubereiten. Das fördert zugleich eine Kultur der Innovation und Offenheit. So lassen sich die Herausforderungen der digitalen Welt meistern und neue Geschäftsmöglichkeiten erschließen.


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